Energie-Interview

Konrad Studerus, Präsident der AVES Zug und Vizepräsident der AVES Schweiz, beantwortet Fragen zum Thema Energiepolitik.

Braucht die Schweiz ein neues Kernkraftwerk?
Konrad Studerus: Ja. Bis spätestens 2035 muss eine Strom-produktionskapazität von gut 3200 MWe ersetzt werden. Die Schweiz braucht deshalb mehrere Ersatz-Kernkraftwerke. Das erste Kernkraftwerk spätestens 2020/25, ein zweites etwa 10 Jahre später. Ab etwa 2040/45 ist dann ein weiteres KKW notwendig.

Weshalb?
1. Ab ca. 2020 gehen die ältesten drei Kernkraftwerke vom Netz, deren Leistung muss ersetzt werden. Dies führt zu einem Kapazitätsausfall von gegen 1100 MWe Leistung, der nur mittels Ersatzbau eines grossen Kernkraftwerkes aufgefangen werden kann, wenn man nicht auf fossile Kraftwerke ausweichen will.
2. Ebenfalls ab 2020 fallen schrittweise die festen Bezugsrechte von gegen 2200 MWe aus französischen Kernkraftwerken dahin.
3. Der Stromverbrauch wird trotz Sparbemühungen weiter ansteigen. Die Gründe liegen vor allem in der technischen Entwicklung und im Umstand, dass Energie-sparanstrengungen im fossilen Bereich in der Regel mehr Strombedarf bedeuten. (Beispiel Wärmepumpen).

Auf welchen Zeitpunkt könnte ein neues Kernkraftwerk den Betrieb aufnehmen?
Wenn politisch und planungsmässig alles optimal läuft, kurz nach 2020. Von der Versorgungssicherheit aus beurteilt ist das leider zu spät. In der Zwischenzeit kommen wir in eine gefährliche Abhängigkeit vom Ausland, wo gleichzeitig ebenfalls Versorgungsengpässe auftreten werden. Ab etwa 2012/16 könnten in der Schweiz erste Netzabschaltungen drohen.

Wie viel würde eine kWh Strom aus einem neuen Schweizer Kernkraftwerk kosten?
Aus heutiger Sicht gerechnet etwa 5 Rappen ab Klemme Kernkraftwerk.

In ca. 30 Jahren sind die heute bekannten Uranvorkommen weltweit ausgebeutet. Wie geht es danach weiter?
Gemäss OECD reichen die heute bekannten Uranvorkommen bei einem Preisniveau von 130 Dollar/kg und beim heutigen Verbrauch für etwa 70 Jahre. Steigt der Preis höher, werden weitere Uranlager erschlossen und die Reichweite steigt auf etwa 250 Jahre - bei noch höheren Preisen sogar auf 600 bis 700 Jahre. Bei einem sehr hohen Uranpreis kann sogar die Urangewinnung aus Meerwasser in Betracht gezogen werden. Die Reichweite des Urans kann so auf tausende von Jahren erstreckt werden und zwar mit der heutigen Technologie. So betrachtet sind die Uranreserven  praktisch unbegrenzt. Die neuen Generation III-Kernkraftwerke, die nun in Finnland und Frankreich gebaut werden, haben gegenüber den Generation II-Kernkraftwerken bereits eine um 17 Prozent höhere Uranausnutzung. 

Wie ist es um die Lebensdauer der bestehenden Kernkraftwerke bestellt?
Für die dienstälteren Werke rechnet man mit einer Lebensdauer von etwa 50 Jahren (Beznau I + IIMühleberg), bei Gösgen und bei Leibstadt mit gut 60 Jahren. Entscheidend ist aber nicht das Alter, sondern eine objektive Beurteilung der Betriebssicherheit jedes einzelnen Werkes. Dieser Beurteilung obliegt bei der ENSI (Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat).

Was geschieht mit den bestehenden Anlagen aus den 1960er/1970er Jahren, wenn sie vom Netz genommen werden?
Der grösste Teil der zu ersetzenden Werksanlagen ist als Bauschutt/Altmetall zu entsorgen. Ein sehr viel kleinerer Teil ist als schwach- und mittelradioaktiver Abfall und der kleinste Teil als hochradioaktiver Abfall zu behandeln und schliesslich in einem Endlager zu entsorgen.

Könnten wir den künftigen Energiebedarf auch mit Importen sicherstellen?
Theoretisch ja - solange es in Europa genügen Strom-Produktionskapazität gibt. Aus Sicht der Versorgungssicherheit muss die Frage aber klar verneint werden. Ganz Europa kommt in einen Strom-Versorgungsengpass hinein, besonders wenn man endlich mit der CO2-Reduktion ernst machen will. Die Schweiz, früher ein Stromexporteur - ist seit 2006 ein Netto-Stromimporteur. Wachsende Stromimporte führen zu wachsender Auslandsab-hängigkeit. Der importiere Strom wird überdies grösstenteils fossil in Kohle- und Gaskraftwerken erzeugt, was unter dem Aspekt der CO2-Problematik negativ zu werten ist. Sobald das Stromangebot knapp wird, ist jedes Land sich selbst am nächsten und die Schweiz kann sich nicht mehr auf die Versorgung aus dem Ausland verlassen. Bei akuter Stromknappheit nützen auch massivste Preiserhöhungen nichts, um die Nachfrage und Produktion in Einklang zu bringen. Netzabschaltungen mit den entsprechenden grossen ökonomischen und ökologischen Schäden sind dann unvermeidlich.

Gibt es echte Alternativen zur Kernkraft?
Da weltweit die Stromproduktion für den grössten Teil der CO2-Emissionen verantwortlich ist, gilt es dieses Problem primär im Auge zu behalten und vernünftig zu lösen. Wenn man die CO2-Emissionen ernsthaft reduzieren will, sollte man versuchen, die CO2-Intensität der Stromproduktion zu reduzieren. Aus diesem Blickwinkel betrachtet gibt es für die nächsten 50-100 Jahre praktisch keine "echten" Alternativen zur Kernkraft - also Alter-nativen, welche die Gesamt-Umweltbilanz der Stromversorgung nicht verschlechtern. Es gibt aber zahlreiche Möglichkeiten, einen Teil des Strombedarfs alternativ zu erzeugen. Alle diese Möglich-keiten müssen aber gut überlegt sein, denn alternative Stromerzeu-gung ist nicht per se "gut". Die Vor- und Nachteile und die Aus-wirkungen auf die Umwelt müssen in jedem Einzelfall sehr genau geprüft werden.

Wie steht es um die Betriebssicherheit der bestehenden Kernkraftwerke?
Die bestehenden Kernkraftwerke gehören der Generation II an. Sie sind nach Beurteilung der Aufsichtsbehörden betriebssicher. Aber sie kommen in die Jahre und müssen so oder so gelegentlich ersetzt werden. Das älteste Kernkraftwerk, Beznau I, ist jetzt über 40 Jahre alt. Vielleicht ändert das Wissen, dass die heute im Bau stehenden Kernkraftwerke der Generation III von der Konzeption her inhärent sicher sind, auch das Bewusstsein in der Schweiz. Die Umweltpolitik besteht nämlich darin, den Strom möglichst CO2-frei zu erzeugen und die Kernkraftwerke technisch und konzeptionell auf einen möglichst guten Stand zu bringen.

Wie wird die Sicherheit, zum Beispiel bei terroristischen Angriffen, gewährleistet?
Für die bestehenden Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt konnte praktisch ein Vollschutz nachgewiesen werden. Für die älteren Anlagen in Beznau und Mühleberg kam die Aufsichtsbehörde zum Schluss, dass der Schutzgrad ebenfalls hoch und die Wahrschein-lichkeit für die Freisetzung von Radioaktivität in die Umgebung bei einem Terroranschlag mit einem Flugzeug gering ist. Die Kernkraft-werke der Generation III sind von der Konzeption und Konstruktion her auf solche Bedrohungen ausgerichtet und verfügen über eine inhärente Sicherheit.

Wann steht in der Schweiz ein Endlager für stark radioaktives Material zu Verfügung?
Es besteht kein Zeitdruck. Für hochradioaktives Material steht zurzeit das Zwischenlager in Würenlos in Betrieb. Ein Endlager muss erst in 30 bis 40 Jahren zur Verfügung stehen. Der Bundes-rat den Entsorgungsnachweis für hochradioaktives Material genehmigt und damit die Machbarkeit eines Endlagers bestätigt. Die Arbeiten der NAGRA betreffend "Sachplan Geologisches Tiefenlager" sind angelaufen. Aus politischen Gründen wird zwar die Standortfrage für ein Endlager immer wieder verzögert, am Schluss aber wird es bei aller Verzögerung zu einer Volksabstimmung kommen!

Wie wird die Überwachung dieses Endlagers finanziert?
Hierzu sind zwei gesetzliche Fonds eingerichtet worden, die von den Betreibern der Kernkraftwerke finanziell geäufnet werden (mit rund 1 Rappen pro KWh Nuklearstrom).

Was wollen Sie uns noch mitteilen?
Es wäre schön, wenn der ideologische Streit um die Kernkraft sich in den nächsten Jahren legen würde. Es besteht eine gute Aussicht in dieser Richtung weil prominente Vordenker der "grünen Bewegung", zum Beispiel James Lovelock und Patrick Moore, mittlerweile die Kernkraft als bedeutendes Mittel der Umweltpolitik begreifen. Kürzlich hat sich der Friedens-Nobelpeisträger und Direktor des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change der UNO), Rajendra K. Pachauri, für die Nutzung der Kernenergie ausgesprochen.


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